Manaus

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Manaus

Ich war so auf den Regenwald fixiert, dass ich mir gar nicht überlegt hatte, was ich in Manaus sehen könnte. Auf dem Hinweg bin ich erst spät abends angereist und früh morgens wieder losgefahren, sodass ich keine Chance hatte, etwas zu sehen. Auf dem Rückweg bin ich jedoch um 15:30 Uhr in Manaus angekommen und mein Flug ging erst am nächsten Mittag. Während der Zeit in der Lodge habe ich mich mit anderen Gästen angefreundet. Lustigerweise war darunter ein brasilianisches Pärchen, wobei einer von beiden Arzt ist und in Botucatu studiert hat. Außerdem waren noch eine Amerikanerin und eine Kanadierin dabei. Die vier haben mir viele Hinweise und Tipps gegeben, was ich mir anschauen und probieren sollte. Die Amerikanerin ist zeitgleich mit mir nach Manaus abgereist und hatte einen tollen Tipp für mich. In Manaus zählt eines der bedeutendsten Gebäude zu den Theatern. Das Teatro Amazonas ist ein Opernhaus im Stil der Neorenaissance und wurde zwischen 1884 und 1896 gebaut. Es entstand während des „Gummibooms“ als Ausdruck des Reichtums der Region und enthält viele importierte Materialien sowie prunkvolle Dekorationen. Besonders auffällig ist seine bunt gekachelte Kuppel in den Farben der brasilianischen Flagge. Und ausgerechnet an meinem einzigen Abend in Manaus gab es eine kostenlose Theateraufführung! Ich habe mich schnell im Hostel frisch gemacht und bin dann ins Zentrum gelaufen. Ich habe mich ein wenig umgesehen und viele Plätze, Paläste und hübsche Gebäude angeschaut. Alles leider nur von außen, weil Sonntagabends sehr viel schon zu hat. Solche Städte sind immer ein Erlebnis. In einer Straße wurde auf einer Ecke eine Messe auf einem riesigen Bildschirm mit voller Lautstärke übertragen, direkt daneben dröhnte der Samba aus einer Box. In den Cafés saßen sehr viele Menschen, an jeder Ecke wurde gehupt, Motorroller düsten an einem vorbei und plötzlich kam eine Gruppe Inline-Fahrer durch das Gewühl auf einen zu. Als es langsam dunkel wurde, war ich nur zwei Querstraßen vom Theater und seinem Hauptplatz entfernt. An dem Tag fand dort ein Fest für Kinder mit vielen Attraktionen und Ständen statt, weswegen ich mich relativ sicher gefühlt habe. Doch ein Mann, der gerade seinen Stand in der Querstraße abgebaut hatte, sprach mich an und sagte, diese Straße sei nicht mehr sicher. Er hat mich gefragt, wo ich hinwolle, und mir dann den schnellsten Weg gezeigt. Ich solle mich beeilen, hat er gesagt. Das war ein sehr beunruhigendes Gefühl, aber mir ist nichts passiert.

Die Theateraufführung selbst war sehr toll. Aufgeführt wurde Bumba-meu-boi. Dabei handelt es sich um einen dramatischen Tanzzyklus, der zur Gruppe der Pastoris gehört. Im Mittelpunkt steht die theatralisch-musikalische Erzählung vom Tod und der wundersamen Auferstehung eines Ochsen. In meiner Version scheitern zunächst ein Wissenschaftler und ein Priester, doch dann gelingt es einem Schamanen der indigenen Bevölkerung, den Ochsen wiederzubeleben. Die Aufführung kombiniert Tanz, Musik, Maskenspiel und Satire und spiegelt die kulturelle Vermischung afrikanischer, indigener und europäischer Traditionen wider. Insgesamt also sehr viel Tanz und Musik, mit sehr viel tanzenden Ochsen. Es war sehr faszinierend, teilweise aber auch sehr absurd und lustig. Alles wurde von Kindern aufgeführt, und die Kostüme waren der Wahnsinn! Auch das Opernhaus selbst ist beeindruckend, also insgesamt eine gute Kombination. 

Danach sind wir noch Abendessen gegangen. Ich hatte ein typisches Gericht für die Region: Tacacá, eine heiße Suppe. Sie wird aus Tucupi (fermentierter Saft von Maniok), Jambu (das leicht betäubendes Kraut), Shrimps und manchmal Maniokmehl zubereitet. Tacacá wird typischerweise in einer Kalebassenschale serviert und ist besonders in den Straßen von Manaus sehr beliebt. Ich muss sagen ich bin weder ein Fan von diesem fermentierten Geschmack, noch von Shrimps, sodass das eine einmalige Erfahrung für mich bleibt. Außerdem hatte ich ein Cocktail, benannt nach dem Boto, dem rosa Delfin.

Am nächsten Morgen habe ich mir die Markthallen und die Stadt noch ein wenig angesehen. Es gibt einen Markt, der eher für Touristen gedacht ist. Er ist ruhig und gepflegt und bietet süße Andenken. Direkt daneben gibt es einen Markt für die Einheimischen. Die Geruchs- und Lärmbelästigung ist immens, man hört die Kreissägen die Rinderhälften zerlegen, riecht den Fisch, das reife Obst, ist mit Innereien diverser Tiere und exotischen Früchten konfrontiert. Nach diesem Erlebnis bin ich noch durch die Stadt geschlendert, vorbei an Parks und Kirchen, an verfallenen Häusern und Obdachlosen, die überall schlafen. Anschließend war ich noch auf einem Touristen-Deck auf dem Wasser. Danach ging es schnell zurück ins Hostel, um auszuchecken und zum Flughafen zu fahren. Von dort aus ging es nach São Paulo. Abends ging es dann zurück zum Busbahnhof und mit dem Nachtbus nach Botucatu. Die Sitze in den Nachtbussen sind größer als unsere Kinosessel und man kann sie super weit zurücklehnen. Zwischen den Sitzen gibt es Vorhänge und eine Vorrichtung, um die Füße hochzulegen. Insgesamt konnte ich also sehr gut schlafen und bin um 1 Uhr nachts in Botucatu angekommen. Da kein Uber mehr fuhr, bin ich nach Hause gelaufen. Obwohl Botucatu eigentlich relativ sicher ist, bin ich trotzdem sehr schnell gegangen und war froh, als ich nach nur sechs Minuten zu Hause war.

Nach einer zu kurzen Nacht bin ich natürlich wieder ins Krankenhaus zur Arbeit gegangen. Am Abend war ich mit den anderen Studierenden bei einem internationalen Abend, bei dem jeder ein Gericht aus seiner Heimat mitbringen sollte. Da einige Vegetarier waren und andere muslimisch, haben wir Deutschen uns alle der Einfachheit halber für Gerichte ohne Fleisch entschieden. Es gab Reibekuchen, Flammkuchen, armen Ritter, Gurkensalat und Zimtschnecken. Insgesamt gab es Essen aus Brasilien, Jordanien, Portugal, Bolivien, Peru und Deutschland. Leider habe ich die Namen der anderen Gerichte vergessen. Ohne Abmessen und wahlloses Zusammenschmeißen von Zutaten sind meine Zimtschnecken erstaunlich gut geworden. 

Freitag ist mein letzter Tag hier in Botucatu. Danach geht es nach São Paulo und von dort aus kreuz und quer durch Brasilien, um mehr vom Land zu sehen. Und dann sind meine zwei Monate hier auch schon fast vorbei. Wie schnell die Zeit doch vergeht!